Lettere dalla riserva:
Begegnungen mit Mimmo Locasciulli
Mimmo Locasciullis
zuletzt veröffentlichtes Album bringt die Poetik des abruzzesisch-römischen
Liederdichters mehrdeutig auf den Punkt: Piano piano (2004) ist mehr als
ein Hinweis auf das Instrument, das Locasciullis Musik so virtuos prägt; vor
allem charakterisiert der Titel auch die Ruhe und Beständigkeit des Cantautore
und Arztes, der sich in den drei Jahrzehnten seiner Karriere in seinen Liedern
immer wieder dem frenetischen Zeitgeist entgegensetzt hat.
Locasciulli, der seit
seinem fünften Lebensjahr Klavier spielt und bereits als Jugendlicher eine Band
gründete, entwickelt seit Ende der Sechziger Jahre unter dem Einfluss der
französischen Chansonniers (u.a. Brel und Brassens) sowie der amerikanischen
Liederdichter (vor allem des auch für andere italienische Cantautori so
einflussreichen Bob Dylan) seinen charakteristischen poetischen und
musikalischen Stil, den er bis heute experimentierfreudig weiterführt. In Rom,
wo der 1949 in Penne (in den Abruzzen) geborene Locasciulli seit 1971 lebt und
sein in Perugia begonnenes Medizinstudium abschloss, war in den frühen
Siebziger Jahren der Kontakt mit dem Folkstudio, in dessen Umkreis er Giorgio
Lo Cascio, Ernesto Bassignano, Stefano Rosso, Antonello Venditti und Francesco
De Gregori kennen lernte, entscheidend für Locasciullis weiteren Weg: 1975
veröffentlichte er dort sein erstes Album Non rimanere là, und die
Begegnung mit dem ebenfalls noch jungen De Gregori (der in diesen Jahren nach
seinem Debüt mit Theorius Campus (mit Venditti) bereits seine
poetologisch bedeutenden Alben Alice non lo sa, Francesco De Gregori
und Rimmel veröffentlichte), wurde richtungweisend für die spätere
fruchtbare Zusammenarbeit.
Aus der Freundschaft
mit De Gregori sind nicht nur viele gemeinsame Canzoni – darunter Meilensteine
des italienischen Autorenliedes wie Povero me (1992) und Il suono
delle campane (1995) – hervorgegangen. Locasciulli ist auch als
Pianist in De Gregoris Alben Titanic (1982) und La donna cannone
(1983) vertreten, von dessen Titellied ein Kritiker schrieb: «Di bello, di
veramente bello ed evocativo, c’è l’introduzione di
piano di Locasciulli, che sa di Charlot. Note che profumano,
che frusciano» (Enrico Deregibus: Francesco De Gregori: Firenze: Giunti
2003, S. 136). In den frühen
Achtziger Jahren nahm er, ebenfalls als Pianist, an mehreren Tourneen seines
römischen Kollegen teil. Umgekehrt produzierte De Gregori zwischen 1980 und
1983 drei Alben Locasciullis und übersetzte für das Album Il futuro
(1998), in dessen Lied Powderfinger von Neil Young er unter dem
Pseudonym «Cereno Diotallevi» auch singt, den Titelsong The future (Il
futuro) von Leonard Cohen sowie Bob Dylans Series of dreams (Una
serie di sogni).
Locasciulli bewegt
sich seit Mitte der Siebziger Jahre – das Jahr 1975 hebt er selbst als das
Schlüsseljahr für seinen weiteren Lebensweg hervor – gleichermaßen in der Welt
der Musik und der Medizin. Eindrucksvoll ist die Professionalität, mit der sich
Locasciulli seit seinen ersten nachmittäglichen Auftritten im Folkstudio in den
frühen Siebziger Jahren in den langen Jahren seiner Karriere stets konzentriert
der Musik und dem Lied gewidmet hat. Das Debütalbum war nur der Auftakt für
eine starke musikalische Präsenz des Liederdichters, die sich in neuen
Aufnahmen sowie regelmäßigen Auftritten bei Konzerten und Festivals
(beispielsweise 1976 beim Club Tenco) äußerte, obwohl seine Arbeit als Chirurg
zunächst weiterhin im Vordergrund stand. Sein Lied Intorno a trent’anni
aus dem gleichnamigen Album von 1982, ein persönlicher Protest gegen den
Zeitgeist der frühen Achtziger Jahre, blickt analytisch auf die eigene
Generation und machte Locasciulli, auch wegen des identitätsstiftenden
Potentials der Canzone, bei einem breiteren Publikum bekannt.
Unter den vielen
Begegnungen mit Musikern und Cantautori, so mit Enrico Ruggeri, mit dem
Locasciulli mehrere Lieder (beispielsweise Confusi in un playback
(1985), Aria di famiglia (2002) und (zusammen mit De Gregori) Olio
sull’acqua (2004) schrieb) ist neben jener mit De Gregori vor allem die
Bekanntschaft mit Greg Cohen wegen des besonders fruchtbaren gegenseitigen
Austauschs hervorzuheben. Locasciulli lernte den amerikanischen Bassisten
Cohen, der auch Tom Waits begleitet, 1987 beim Club Tenco kennen. In den
folgenden Jahren entwickelte er mit ihm eine enge Zusammenarbeit, die nicht nur
zur Mitwirkung Cohens an vielen Alben und Konzerten Locasciullis führte,
sondern auch neue musikalische Wege – unter anderem hin zum Jazz – aufzeigte
und der Musik in Locasciullis Liedern insgesamt eine größere, expressivere
Rolle zuwies. Die intensive Zusammenarbeit, deren Ergebnis unter anderem auch
das in New York aufgenommene Album Tango dietro l’angolo (1991) ist,
dauert bis heute an und findet ihren Ausdruck nicht zuletzt in zahlreichen
gemeinsamen Auftritten.
Seine Affinität zu den
angloamerikanischen Liederdichtern, ein nicht ungewöhnliches Phänomen bei den
italienischen Cantautori, zeigte Locasciulli 1998 in dem Album Il futuro,
das Übertragungen bedeutender songwriters – unter anderem von Bob Dylan,
Leonard Cohen, Tom Waits und Neil Young – enthält und die Bedeutung
nordamerikanischer Autoren für das italienische Autorenlied eindrucksvoll
dokumentiert.
Seit den Neunziger
Jahren tritt Locasciulli mit dem von ihm gegründeten Plattenverlag Hobo auch
verstärkt als Produzent – unter anderem von Claudio Lollis Album Viaggio in
Italia sowie von Alessandro Habers Alben Haberrante und Qualcosa
da dichiarare – in Erscheinung. Auch in diesem Bereich zeigt er seine
Unabhängigkeit vom Diktat des Musikmarktes.
In Locasciullis
mittlerweile dreißigjähriger Laufbahn als Verfasser und Interpret von Canzoni,
aus der bis heute über zwanzig Alben hervorgegangen sind, stand nie der
kommerzielle Erfolg im Vordergrund, sondern die eigene künstlerische Kohärenz.
Locasciullis zuletzt veröffentlichtes Album Piano piano ist nicht nur
ein Höhepunkt seiner bisherigen Liederproduktion, sondern setzt auch ein
Zeichen im gegenwärtigen Autorenlied, in dem einige Cantautori sich lieber dem
textuellen und musikalischen Mainstream annähern, statt ihrer eigenen Poetik
treu zu bleiben oder diese weiterzuentwickeln. Die Wirkung dieses Albums
beruht nicht zuletzt auf seiner Authentizität: «Mimmo
sussurra le sue canzoni garbate, ma il suo sembra quasi un urlo, un’esplosione;
a fronte di una realtà tutta strillata abbiamo un
cantautore che si limita a suggerire che ci sono altri mezzi, altri modi e che
così facendo riesce ad arrivare molto più in profondità, a toccare corde
universali.» (Leon Ravasi in www.accordo.it, 13. 2. 2004.)
Locasciullis jüngste
Canzoni aus seinem zuletzt veröffentlichten Album sind – wie die besten seiner
vorangegangenen, man denke dabei beispielsweise an Vienna 1936 (1989), La
pioggia e l’esilio (1995) oder an das bekannte Lied Gli occhi (1982)
– Momentaufnahmen, Photographien von Augenblicken und Gefühlen des Alltags.
Locasciulli hält die Atmosphäre einzelner Momente fest, in denen sich der
gegenwärtige Seelenzustand widerspiegelt und die nur gelegentlich auch die
dahinterstehenden Geschichten andeuten: «Ancora ci sei e ancora ci sarai /
Tra le maglie del tempo / E gli echi delle distanze / E guardo allo specchio /
Un uomo perso e confuso / Un guerriero stanco e deluso / Non so più..» (Un po’ di tempo ancora (2004).)
Oft dominiert in
seinen Liedern – auch wegen der Prävalenz von Themen wie Abschied, Entfernung
und Sehnsucht – die Melancholie. Locasciulli zeigt in seinen Canzoni, dass
Gefühl nicht Sentimentalität bedeutet. Pathos vermeidet er nicht nur durch seine
Vortragsweise, sondern auch durch seine zurückhaltende Poetik stimmungsvoller
Skizzen und Bilder: Locasciullis Stil ist minimalistisch, was sich in den
Liedern seines zuletzt veröffentlichten Albums auch in einer musikalischen
Konzentration auf das Wesentliche – insbesondere auf das Klavier und auf den
Bass sowie auf einige sparsam eingesetzte Instrumente – widerspiegelt. Seine
Texte und Kompositionen machen Locasciulli zum Meister einer musikalischen Arte
povera, der das Essenzielle einer klanglichen und verbalen Überladung vorzieht
und so gleichermaßen originell und authentisch bleibt.
A.B.: Wo steht das
Autorenlied heute? Was hat sich seit Ihren Anfängen im Folkstudio verändert?
M.L.: Das Autorenlied
gab es natürlich bereits vor den Liedern des Folkstudio – das Autorenlied gab
es auch zu Zeiten Schumanns oder zu Zeiten der Troubadoure, der Spielleute.
Glücklicherweise ist es ein Ausdruck der menschlichen Seele und folgt nicht den
Moden, denn das Autorenlied sollte das Zeugnis eines Autors sowie der – durch
seine besondere Optik, durch seine Sensibilität, durch seine Fähigkeit, Bilder
zu entwickeln und diese dem zuhörenden Publikum anzubieten, gefilterten – Zeit
sein, in der er lebt. Zu den Zeiten der Troubadoure gab es mehr Ironie, zu den
Zeiten Schumanns gab es mehr Romantik, in der Nachkriegszeit – und dabei
beziehe ich mich auf die Lieder beispielsweise von Bécaud, auf die von Edith
Piaf interpretierten – gab es mehr Existenzialismus. Als sich das Autorenlied
in Italien zu entwickeln begann – erst nach dem Faschismus (denn während des
faschistischen Regimes gab es nur wenig Ausdrucksfreiheit, aber viele dumme
Lieder, weil man sich wie zu Zeiten der Römer mit «Brot und Spielen» zufrieden
stellen ließ), nach dem Zweiten Weltkrieg – entfaltete sich auch in Italien,
durch den Schub des französischen Beispiels und vor allem auch durch die
Bewegungen wie Cantacronache, durch Dario Fo, Schriftsteller wie Calvino,
Leuten einer bestimmten Kultur, ein Autorenlied italienischer, persönlicherer
Prägung. Als ich das Autorenlied entdeckte, war es ein Lied, das stark vom
französischen Lied beeinflusst war. Unsere Cantautori, besonders die «scuola
genovese», lehnten sich stark an Brassens, an Jacques Brel usw. an. Später
lernte ich das amerikanische Autorenlied insbesondere über Bob Dylan kennen.
Ich habe immer gedacht, dass ein Autorenlied etwas ganz anderes ist als ein
Lied eines Cantautore, denn ein Autorenlied muss sich in einem genau
abgesteckten Gebiet bewegen, es muss ein Zeugnis ablegen, seine Zugehörigkeit
zeigen, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten, Gefühle – einschließlich des
Gefühls der Liebe – analysieren. Daher gefallen mir nicht die Lieder der
Cantautori, die dieselben Eigenschaften haben wie ein Popsong. Heute herrscht
eine große Verwirrung. Sie fragen mich, wo das Autorenlied heute steht. Heute
nennen sich alle Cantautori, weil heute alle wenigstens drei Verse oder drei
Noten der von ihnen interpretierten Lieder schreiben. Ich habe ein Lied mit dem
Titel Lettere dalla riserva geschrieben, wo ich meinen Seelenzustand
ausdrücke. Ich lebe in dieser Reserve, die die Reserve des Autorenliedes ist.
Mir gefällt es, wenn ein Liebhaber des Autorenliedes in die Reserve kommt, in
der ich lebe und mit guten Wegweisungen wieder weggeht.
A.B.: Könnten Sie die
wichtigsten Stationen Ihrer mittlerweile dreißigjährigen Karriere skizzieren?
M.L.: Eine
Zusammenfassung ist einfach, denn für mich gibt es ein Schlüsseljahr: Das war
1975, als ich meine Universitätsstudien mit einem Abschluss in Medizin
beendete, heiratete und mein erstes Album aufnahm. All dies ereignete sich in
jenem Jahr. Mein erstes Album erschien unter dem Label des Folkstudio, jenes
Lokals in Rom, in dem es eine große Bewegung von Cantautori, zeitgenössischer
Musik und Jazz gab (zu dieser Zeit war das Folkstudio der einzige Ort in Rom,
wo man Jazz hörte). Ich dachte jedoch, ich würde nur als Arzt arbeiten. Dieses
Album sollte nur eine einmalige Erfahrung sein, nämlich als Zeugnis der
Zugehörigkeit zu diesem bezaubernden Ort, der das Folkstudio war; danach,
dachte ich, würde ich kein weiteres aufnehmen. Die weiteren Alben haben sich
zufällig entwickelt: das zweite mit der RCA, dann noch ein weiteres, das
vierte, dessen Erfolg unerwartet kam, auch weil ich weiterhin in allererster
Linie Arzt war. Dann kam 1985 die Teilnahme an einem Festival von Sanremo, dann
eine große Tournee mit De Gregori. Es folgten die Zusammenarbeit mit Ruggeri,
die Zusammenarbeit mit De Gregori, die Bekanntschaft mit Greg Cohen. Dies
bedeutete für meine Musik die Überschreitung einer Schwelle, denn darauf folgte
mein meiner Meinung nach schönstes Album, Tango dietro l’angolo, das mit
vielen großen Musikern 1990 in den USA aufgenommen wurde. Es folgten sehr viele
Tourneen mit Greg, und glücklicherweise haben sich die Zusammenarbeit und die
Freundschaft mit ihm bis heute fortgesetzt. Und heute, heute habe ich zuletzt
ein sehr akustisches Album gemacht, das ich seit Jahren machen wollte. Wer
weiß, wie mein nächstes Album sein wird, vielleicht wird es ein
Rock’n’roll-Album sein, das weiß ich noch nicht. Jedoch muss ich sagen, dass
diese Dimension mir viele gute Ergebnisse bringt, denn ich sehe nicht nur Leute
reiferen Alters, Leute meines Alters, sondern sehe mit großem Erstaunen viele
junge und sehr junge Leute in meine Konzerte kommen, die sich für das Gefühl
interessieren, weil es etwas Wunderschönes ist. Meine Lieder, vor allem die
zuletzt entstandenen, sind Lieder voller Gefühl, und es scheint mir, dass die
nachkommenden Generationen dieses Gefühl lieben.
A.B.: Sie haben, wie
Sie gerade bereits selbst erwähnten, häufig mit anderen Cantautori und Musikern
wie Francesco De Gregori, Greg Cohen, Enrico Ruggeri und vielen anderen
zusammengearbeitet. Was ändert sich, wenn man ein Lied nicht alleine, sondern
zu zweit oder mit noch mehr Musikern schreibt?
M.L.: Der Unterschied
ist derselbe wie beim Spaghettikochen: Wenn ich mir allein einen Teller
Spaghetti zubereite, ist es anders, als wenn ich zusammen mit Freunden koche.
Dann schaut beispielsweise einer nach dem Sugo, und ich kümmere mich um das
Wasser. Mehr oder weniger ist es dasselbe, wenn man zusammen Lieder schreibt.
Glücklicherweise schrieb und schreibe ich Lieder zusammen mit anderen immer nur
dann, wenn es mit diesen Personen eine intensive menschliche Verwandtschaft
gibt. Wir haben nie diskographische Produkte gemacht, sondern immer dann Lieder
geschrieben, wenn es ein unabhängiges Aufkeimen von Ideen gab. Eine
Zusammenarbeit wurde nie von Produzenten oder Managern der Plattenindustrie
entschieden. Es ist wirklich so wie bei einem Zusammensein mit Freunden
zuhause. Wenn dann Hunger aufkommt, kocht man gemeinsam Pasta. Das ist schön.
Wenn man ein Lied zusammen mit jemandem schreibt, mit dem man sich sehr
verwandt fühlt, dann gehört das entstandene Lied allen beiden zu genau gleichen
Teilen. Eine Zusammenarbeit, die nicht geplant und vorgezeichnet ist, erscheint
mir eine Form der Kunst und der Inspiration, die gleichermaßen authentisch ist.
A.B.: Ihr Album Il
Futuro ist im Panorama des Autorenliedes außergewöhnlich, da es
Übertragungen von Liedern der bedeutendsten englischsprachigen Liederdichter
vereint, die zudem äußerst gelungen sind. Wie ist diese Idee entstanden?
M.L.: Hier verdanke
ich viel dem Direktor meiner damaligen Plattenfirma. Als er meine Lieder hörte,
fand er, dass ihre Wurzeln sehr offensichtlich waren. Dylan, Tom Waits, Leonard
Cohen, Randy Newman, Elvis Costello sind unter meinen bevorzugten Künstlern. Er
fragte mich, warum ich nicht ein Album als Hommage an meine Vorbilder aufnahm.
Ich dachte dann erst sechs Monate über diesen Vorschlag nach, bevor ich
zustimmte, denn ein solches Album erschien mir sehr schwierig. Es war, als ob
man mich fragte, ein Haus zu bauen, nachdem ich das Haus meiner besten Freunde
besucht hatte, und dann ihre Lebens- und Wohnstile zu übernehmen und diese dann
alle in mein eigenes Haus zu übertragen. Das Projekt war schwierig. Ich muss
jedoch sagen, dass ich dann sehr enthusiastisch war und noch heute sehr
glücklich darüber bin, es letztendlich verwirklicht zu haben.
A.B.: Sie sind auch
Produzent. Unter anderem haben Sie dabei vor einigen Jahren den Schauspieler
Alessandro Haber als Sänger entdeckt und zwei Alben mit ihm produziert. Ist
geplant, diese sehr interessante Zusammenarbeit fortzusetzen?
M.L.: Alessandro Haber
machte nach unserer Zusammenarbeit dann auch noch ein drittes Album, allerdings
eines mit viel leichterer Musik. Ich finde aber, dass Alessandro Haber sich
viel mehr für ein wesentlich mutigeres Album eignet. Er hat eine solch wilde
und animalische Stimmkraft, dass er meiner Meinung nach viel weiter gehen
sollte. Er sollte ein wirklich extremes Album machen, denn er verkörpert
tatsächlich den «Sturm und Drang» und sollte deshalb auch ein «Sturm und
Drang»-Album aufnehmen. Ich denke, dass wir früher oder später wieder
zusammenarbeiten werden.
A.B.: Ihr letztes
Album heißt Piano piano. Hat dieser Titel auch eine programmatische
Bedeutung?
M.L.: Er ist eine
Synthese. Am Ende habe ich das Lied mit dem Titel Piano piano
geschrieben, das auch von meinem Klavier erzählt. Das Album ist vor allem vom
Klavier geprägt, es ist ein sehr «softes» Album. Ich dachte, der Titel Piano
piano sei so synthetisch, das dann gar keine weiteren Erklärungen mehr
nötig seien.
A.B.: In den Liedern
dieses Albums ist eine Konzentration auf das Essenzielle, ein Minimalismus
bemerkbar. Haben Sie vor, diese so glückliche stilistische Wahl auch in
zukünftigen Projekten fortzusetzen?
M.L.: Der Minimalismus
sollte sich nicht nur auf die Musik beschränken. Ich liebe den amerikanischen
Minimalismus im Stile der meisterlichen Prosa Raymond Carvers, die dann auch
Robert Altman für seinen Film Short Cuts inspiriert hat. Ich würde gerne
Lieder schreiben, die auch in ihren Texten minimalistisch sind, also nur aus
Subjekt und Prädikat bestehen, und nur darauf beschränkt sind. Wenn man dann
aber schreibt, muss man ein Gefühl, einen Traum, eine Erinnerung, eine Hoffnung
ausdrücken, und dafür sind zwei, drei Worte nicht ausreichend. Man muss dann
aus seiner Palette verschiedene Farben nehmen und diese miteinander vermischen.
Deshalb ist der ausdrucksvolle Minimalismus in den Texten ein wenig
komplizierter. Aber andererseits gilt auch, was ich bereits zuvor sagte: Ich
schaffe es nicht, eine Arbeit zu planen, vielmehr lasse ich mich lieber von
einer Inspiration leiten, von dem, was ich gerade sehe, vom Augenblick. Jetzt
ist auch der Augenblick der Besorgnis. Sollte ich also heute damit beginnen,
ein Album zu konzipieren, dann wäre es ein Album der Besorgnis, ein Album der
Stellungnahme. Es wäre wirklich kein fröhliches Album, ich sehe einen
schwierigen Augenblick für die ganze Menschheit. Aber mir gefällt auch der
Einfluss der Jazz-Musik. Wahrscheinlich wird mein nächstes Album stark vom Jazz
beeinflusst sein, aber noch weiß ich es nicht.
Weiterführende Informationen über Locasciulli finden sich auf seiner Website www.mimmolocasciulli.com
sowie in Rosario Galli (a cura di): Il giardino in‑cantato (2005).(in: Zibaldone
40: Cantautori – Liederdichter in Italien; S. 133-146)