Von der Piazza ins Theater
Das italienische Autorenlied in der Kleinkunstszene
Eine politisch motivierte Bewegung wie jene der Cantautori in den siebziger und achtziger Jahren ist derzeit in Italien nicht auszumachen. Doch gibt es neben internationalen Popstars viele begabte Sänger und Sängerinnen zu entdecken
Ruedi Ankli
..........Dass diese retrospektive Ausrichtung im Kommen ist, unterstreicht noch konsequenter das neue Album des in Rom lebenden Cantautore Mimmo Locasciulli. Seit drei Jahrzehnten aktiv, hatte er Anfang der neunziger Jahre in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Jazz-Bassisten Greg Cohen einige wesentliche, avantgardistische Alben produziert. Mit «Piano piano» geht er einen Schritt zurück, um zwei grosse nach vorne zu tun. Im Gegensatz zu Morgan, der unbedingt seine hohe Musikkultur ausspielen möchte, stellt Locasciulli die seine bewusst zurück. Im Vordergrund der elf Songs steht das Piano, diskret begleitet vom stilsicheren Bass Greg Cohens; das Duo wird nur um wenige Instrumente ergänzt. Locasciulli reduziert damit das Autorenlied auf sein Wesen. Die schlichte Begleitung des Klaviers ist auf die melancholische Stimme und die ausdrucksstarken Texte ausgerichtet, die jene nächtlichen Stimmungen aufnehmen, die Locasciulli schon immer gekonnt zu evozieren vermochte.
Der Albumtitel ist programmatisch doppeldeutig: Eigentlich heisst «piano piano» ja langsam, sachte, leise; andererseits kann man «Piano» freilich auch als Abkürzung von «Pianoforte» verstehen. Absicht ist es, dem Autorenlied seine Würde zurückzugeben - leise, aber bestimmt - und ihm den neuen Platz in der Kleinkunstszene zuzuweisen. Diese eindringlichen Lieder sind für kleine Säle gedacht, die volle Aufmerksamkeit erlauben und erfordern. Das Album enthält mit zwei verschiedenen Versionen des «Hotel Songs» von Patent Ochsners Büne Huber übrigens auch eine kleine Hommage an die Schweizer Popszene. In der Bonus-Track-Version ist ein Duett mit Huber zu hören, auf dem sich Locasciulli auch auf Schweizerdeutsch versucht. Eine andere Coverversion, oder vielmehr Interpretation, des auf Locasciullis eigenem kleinem Label Hobo produzierten Albums ist «Tu no» von Piero Ciampi, dem 1980 verstorbenen Poeten und Cantautore: ein kleines Meisterwerk der Interpretation.
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18. März 2004, Neue Zürcher Zeitung