Aargauer Zeitung, 14. Februar 2004

 

Mimmo Locasciulli und Greg Cohen

Melancholische Briefe aus dem Reservat

 

Ob in Rom, Siena oder Turin, ob in Bern, Basel oder Winterthur, das Duo des in Rom lebenden Cantautore Mimmo Locasciulli und des amerikanischen Jazzbassisten Greg Cohen zieht es in kleine Sääle, wie es das rein akustische Konzept des neuen Albums "Piano Piano" (Hobo/recrec) erfordert.

Mit „Lettere dalla riserva“ eröffnete das Duo den Basler Auftritt im Sudhaus, laut Locasciulli das emblematische Lied der Wende in seinem dreissigjährigen Schaffen, der Wende zu einer intimeren Canzone. Ironisch lädt er einen auf Erfolg getrimmten Zunftgenossen ein in sein persönliches "Reservat des Autorenlieds", in dem Wort und Melodie zu einer neuen Würde finden.

Locasciulli lernte in den achtziger Jahren auch die Atmosphäre der Stadien kennen, heute ist das Piano, das er, wie im Titel der CD angedeutet, "sachte, sachte" und sehr kunstvoll einsetzt, sein wichtigster Dialogpartner neben Greg Cohen, mit dem er seit fünfzehn Jahren kongenial zusammenspannt. Das Duo suchte schon immer die intimeren Atmosphären der Klubs, doch noch nie so radikal heute. 

Tatsächlich enthebt sich Locasciulli über die unruhige, bisweilen unerträglich hektische und lärmige Zeit, welcher der moderne Mensch unweigerlich ausgesetzt ist. Die eineinhalb Stunden Live-Konzert mit ihm und Cohen stehen ausserhalb der Zeit und halten ihr dennoch den Spiegel vor. "Es ist noch Zeit vorhanden", singt Locasciulli im "Un po‘ di tempo ancora", ein Lied, das seinen aufgewühlten Seelenzustand widerspiegelt, wie er betont, das aber gleichzeitig eine optimistische Einladung ist, sich die Zeit auch zu nehmen, sich gleichsam kontradiktorisch dem Diktat der Termine zu entsagen. Die neuen Lieder könnten, philosophisch betrachtet, durchaus im existentialistischen Saint Germain der Pariser Nachkriegszeit entstanden sein, wäre da nicht ihr Bezug zum unruhigen Ambiente unserer Tage.

Locasciulli ist reif genug, auf Distanz zu gehen und sie auch zu halten. Er weiss, dass in die drei Minuten einer Canzone ganze Welten passen. Die älteren Lieder wie"Gli occhi" und vor allem "Natalina" oder das epochale "Tango dietro l’angolo" passen nahtlos in das neue Konzept, an dem Greg Cohen mit seinem Kontrabass als sicherer, ruhender Pol wesentlichen Anteil hat. Ausser in Basel  gesellte sich auch der geistesverwandte Genosse von Patent Ochsner, Büne Huber, zum italo-amerikanischen Duo, mit einer italienisch gesungenen Version des "Hotelsongs", mit "Trybguet" und "Honigmelonenmond". Und der von Locasciulli in zahlreichen Texten besungene Mond leuchtete zuversichtlich lächelnd über den vorwiegend melancholischen Liedern, welche Locasciulli mit Cohen überzeugender und packender denn je herüberbrachte.

 

Ruedi Ankli

 

CD von Mimmo Locasciulli: "Piano Piano" (Hobo/recrec.)