Ungestilltes Sehnsuchtsfieber

 

Michael Heisch

 

Der abruzzesisch-römische Cantautore Mimmo Locasciulli mimte im «Casino theater» den

Bühnenunterhalter.

WINTERTHUR - Seit den frühen Siebzigerjahren gehört Mimmo Locasciulli der Cantautori-Szene an.

Bekannt und hoch geachtet, nennen ihn alle in jener liedernden Intelligenzija den «Dottore». Der Römer

arbeitet nämlich als Arzt im «Santo Spirito»-Spital. Doch seine hohe Musikalität und bitterzarte Poesie

überflügeln seine Kollegen bei weitem.

Laufen seine dichtenden und singenden Weggefährten gerne Gefahr, schnell einmal im Seichten zu

versinken, steckt «Dottore» den Finger dort in die Wunde, wo es am meisten weh tut. Böse und dunkle

Lieder entstehen dann. «Il Cane» ist «Caro Silvio» gewidmet, einem armen, kleinen Hündchen. Das

Hündchen erlebt seinen Mikrokosmos in der Trottoir-Perspektive und hält jeden neuen Meister für den

besten der Welt.

Poetisch, hellhörig

Mimmo Locasciulli beschönigt nichts, dennoch sind seine Balladen poetisch hellhörig. Herzflattern,

Atemlosigkeit und ein ungestilltes Sehnsuchtsfieber - zusammen eine berührende Tristezza, die zur Not mit

sanften Humor heftgepflastert wird. Die Vorliebe für swingenden Rhythmus und harmonienreichen Jazz teilt

Locasciulli mit Paolo Conte, dem Lieder machenden Rechtsanwalt. Contes Komposition «Hemingway» ist

auf der neusten Locasciulli-CD vorzufinden, woraus im Programmverlauf einige weitere Canzoni erklingen,

darunter die gerappte Version von «Sglobal». Attenzione!

«Dottore» braucht sich hinter einem Jovanotti nicht zu verstecken. Erst recht nicht, wenn er zwischendurch

zur E-Gitarre greift und das zufriedene Publikum mit sprühenden und ironischen Ansagen unterhält.

Eine Künstlerfreundschaft

Unterstützt wird Locasciulli von einer jungen Begleitband (Luca Ciarla, Violine; Andy Bartolucci,

Schlagzeug). Sohn Matteo wirkt mit (E-Gitarre und weitere Instrumente) und der Gitarrist Massimo Giovanni.

Dieser war in seiner Aufgabe nicht zu beneiden, den famosen Marc Ribot zu ersetzen, eine weitere

New-Yorker-Grösse und treuer Locasciulli-Studiomusiker. Dies tut jedoch nichts zur Sache. Zeitlos schön,

mit kratziger Tom-Waits-Melancholie sind vor allem die Canzoni aus «Tango dietro l'angolo», daraus «Il

giorno più difficile» ein rockender Höhepunkt des Abends war und im balladenreichen Programm den

idealen Akzent setzte.

Und da war noch jemand. Eine hagere, hoch geschossene Person. Eine jugendliche Erscheinung, die

Bassläufe für Rockgrössen wie Tom Waits, Elvis Costello und Randy Newman legt. Der Kontrabassist Greg

Cohen ist den meisten Rockliebhabern als virtuoser Studiogast bekannt. Ihn nun endlich als Live-Musiker

auf der Bühne zu erleben, das alleine macht diesen Konzertbesuch zu einem einmaligen Erlebnis.

Auch zu zweit, mit dem Piano spielenden Mimmo Locasciulli, hätten sie mühelos einen glänzenden

Konzertabend zu Stande gebracht. Die Künstlerfreundschaft hält seit Jahren und etlichen CD-Einspielungen

an. Dieser Geist war gleich zu Beginn und nach rund zweistündiger Spielzeit in den Zugaben besonders

deutlich mitzuerleben.

 

© Der Landbote, 30.05.2006; Seite 25