Mimmo Locasciulli:Sglobal
Cantautore
Poetische Anklage
Claudia Langenegger
Mimmo Locasciulli, 57, singt mit seinen Liedern gegen die Globalisierung an. Nun ist der Poet aus Rom mit
seinem neuen Album «Sglobal» in der Schweiz unterwegs
Berlusconi? Eine hässliche Phase der italienischen Politik», sagt Mimmo Locasciulli. «Zum Glück ist sie
vorbei.» Der italienische Musiker hat nicht nur eine klare Haltung zum politischen Geschehen, er weiss auch
genau, was er von einem wahren Liedermacher erwartet: «Ein richtiger Cantautore ist ein Zeuge seiner Zeit,
er erzählt aus seiner Welt und hat etwas zu sagen. Leider gibt es auch viel erfolgreiche, nichtssagende
Musik.» Es ist später Nachmittag, er wartet auf dem Steg in Neapels Hafen auf sein Schiff nach Capri.
Salzige Meeresluft, warme Frühlingssonne, eine traumhafte Insel in Sicht - es sind aber nicht etwa
Badeferien angesagt, sondern Arbeit: ein Medizinalkongress. Denn Locasciulli, der auch schon mit
Francesco de Gregori zusammenarbeitete, mit Patent Ochsners Büne Huber den «Hotelsong» auf Tonträger
bannte, alle zwei Jahre ein neues Album herausbringt, und nun mit Greg Cohen, dem Bassisten von Tom
Waits, auf Tournee geht, ist eigentlich Chirurg. Und nebenbei Musiker. Oder nebenbei Mediziner? Er selbst
sieht das gelassen: «Im Lauf der Jahre wurde mein Beruf zur Leidenschaft. Und meine grosse Leidenschaft,
die Musik, immer stärker zu meinem Beruf.» Er ist seit einunddreissig Jahren Chirurg, damals hat er auch
sein erstes Album herausgebracht. Sein neuster Wurf heisst «Sglobal», was so viel heisst wie anti-global.
«Ich bin aber kein fanatischer Globalisierungsgegner», gibt der Cantautore zu verstehen, «ich betrachte die
Globalisierung vom kulturellen Standpunkt her. Mit der weltweiten Gleichschaltung verlieren wir unsere
persönliche Identität. Das ist nicht nur schade, das nervt mich.» In seinem wunderschön fliessenden
Italienisch, mit dem starken Akzent des Südens, erzählt er von seiner tiefen Beziehung zur Musik und von
den kulturbegeisterten Schweizern, die seine Texte alle gut verstehen. Man könnte seinen Worten noch
lange lauschen, doch da trifft sein Boot ein: «Ci vediamo a Berna, o a Winterthur?» Ja klar, denn dort spielt
er am kommenden Wochenende: am Freitag in der Mühle Hunziken, am Samstag im Casino Winterthur.
Das Boot legt an, der Barde setzt über und ich spüre einen Hauch der salzigen Meeresbrise, die mir durch
das Haar weht, während ich den Telefonhörer auflege. So schnell ist man so weit weg.
© Sonntagsblick / Sie+Er, 21.05.2006; Seite M79; Nummer 21